page9_1

ORALABORA

das besondere Projekt zum besonderen Ereignis
Eine Schule feiert, zusammen mit der Stadt und der Pfarrei, "ihren" 1300. Geburtstag
Tradition verpflichtet

1300 Jahre Echternach, oder genauer, 1300 Jahre Echternacher Abtei! Ein nicht ganz alltäglicher Geburtstag, der erstens ausgiebiges Feiern und zweitens nicht ganz alltägliche Programmpunkte geradezu herausfordert.
Wie können heutige Schüler einer Anstalt, welche an der Stelle steht, wo weiland Willibrordi Alumnen die Scriptoriumsbank drückten, diese Feier begehen, indem sie gleichzeitig dieser Tradition verpflichtet bleiben und dem Zeitgeist des ausgehenden 2. Jahrtausends Rechnung tragen?
Es braucht eine Ausdrucksform, die zeitgemäß und leicht zugänglich, jedoch niveauvoll ist und die Historie berücksichtigt.
Wenn ein Musiklehrer sich einer solchen Aufgabe annimmt, liegt es auf der Hand, daß dabei eine musikalische Darbietung herauskommt. Doch wie kann man all diese Ansprüche unter einer musikalischen Form vereinen? Wie kann man vor allem die Verpflichtung dem Vermächtnis des Abteigründers gegenüber in diese Form einbringen?


Eine Musical Show

Bei dieser Bezeichnung tippt der Musikinteressierte in der Regel schlicht auf das in den letzten Jahren ungemein populär gewordene Musical.
In der Tat scheint ein Musical in unseren Tagen die Form par excellence zu sein, unter welcher Geschichten publikumswirksam erzählt werden können. Doch ist dafür neben einer entsprechenden Infrastruktur ebenfalls eine leistungsfähige Truppe von schauspielernden Sängern und Sängerinnen vonnöten. Zudem ist es - wie in unserem Falle - nicht unproblematisch, innerhalb einer einzigen Bühnenhandlung 1300 Jahre zu durchleben.
Will man trotzdem die musikalischen Möglichkeiten eines Musicals nutzen, so bietet sich eine Lösung an, welche einerseits den hierfür typischen Musikstil und das Showelement aufgreift und andererseits, durch das Gestalten einzelner Szenen einer erzählten Rahmenhandlung, auf ein durchgehendes Bühnengeschehen verzichten kann.
Gleichzeitig besteht bei dieser Form die Möglichkeit, mit verschiedenen, den jeweiligen Epochen angepaßten Musikstilen zu arbeiten, ohne einen Stilbruch zu begehen, was bei durchkomponierten Werken problematisch sein könnte.
Daneben gibt es heutzutage andere, überaus interessante Mittel, Geschichten darzustellen, z.B. mit Hilfe von "neuen" Technologien. Die ORALABORA-Veranstalter greifen in diesem Falle realistischerweise auf die Projektion von Videosequenzen und auf Lichteffekte zurück.
Herausgekommen ist bei all diesen Überlegungen letzten Endes eine Form, die wohl neu anmutet, so neu aber gar nicht ist: eine musical show. Vor hundert Jahren bezeichnete man so die Vorläufer der heute bekannten Musicals. In der Musical Show mußte nicht notwendigerweise eine durchgehende Handlung sein - es war eine variétéartige Veranstaltung, in welcher Erzähler, Tänzer, Sänger, Musiker und Ensembles auftraten, um, jeder auf seine Weise, Geschichten zu erzählen.
Auf heute übertragen bedeutet das: ein Erzähler läßt das Leben Willibrords und die Geschichte der Abtei Revue passieren, wobei einzelne, ausgesuchte Episoden musikalisch gestaltet oder mit Videoprojektionen begleitet werden.
Die musikalische Gestaltung liegt - wiederum ein Vorteil der Musical Show - in den Händen eines großen Chores, eines Orchesters und mehrerer Solisten.
Dabei sollte man dem Ensemble, auch wenn es z.B. das Mittelalter darstellt, immer noch anhören, daß es ins Jahr 1998 gehört: so ist einer der Solisten ein Rapper, genauso, wie das Orchester nichts anderes als eine durch Streicher, Backgroundgesang, einige "klassische" Instrumente und Schlagwerk aufgestockte Big Band ist.
Damit dürfte der musikalische Stil ebenfalls klar sein: Popmusik, durchsetzt mit Elementen aus Gregorianik, mittelalterlicher Tanzmusik, barocken Klängen, Blues, Funk und - Rap.


Das Konzept: Kultur und Pädagogik

Von vornherein stellte sich dem Initiator und Komponisten Jean-Marie Kieffer die Frage, wie er für die Durchführung seiner Idee ein leistungsfähiges Schulensemble zusammenstellen könnte, an welches man ebenfalls gewisse künstlerische Ansprüche stellen kann.
Die Form ("Musical Show") ist ja so ausgewählt, daß, dank des großen Chores, möglichst viele, auch nicht musikalisch ausgebildete Mitwirkende auf der Bühne stehen können. Ein weiterer Ausgangsgedanke war das Spekulieren auf die Zusammenarbeit von sämtlichen Mitgliedern der Schulgemeinschaft: Schüler, Eltern und Lehrer - die Idealvorstellung jeglicher moderner Pädagogik.
Sozusagen als I-Tüpfelchen zählt bei dieser Realisierung die Tatsache, daß jede Note des Werkes und jeder Buchstabe des Librettos (Autor: Jean-Claude Degrell) selbst erfunden sind. Übrigens ist eine Instrumentalnummer aus ORALABORA eine Komposition einer Schülerin des LCE: Sandrine Bender. Genauso ist der abschließende Rap von Jean-Claude Degrell und dem LCE-Schüler Jeff Seyler gemeinsam getextet worden.


Die Echternacher Basilika als Multimediatempel

Welcher Ort ist geeigneter für ein solches Unterfangen als die Echternacher Basilika, Grabkirche des hl. Willibrord?
Dieser denkbar würdigste Rahmen, aus architektonischer wie aus kulturhistorischer Sicht, wurde den Veranstaltern spontan von dem als Mitveranstalter fungierenden Echternacher Pfarrgemeinderat für die Aufführung der Musical Show angeboten.
In der Tat hat Dechant Théophile Walin mit dem Zurverfügungstellen der Basilika nicht nur diesem einmaligen Unternehmen zu einem einmaligen und beneidenswerten Rahmen verholfen, er erlaubt damit ebenfalls, daß hier Moderne und Tradition, Jugend und Altertum aufs Überzeugendste miteinander harmonieren dürfen.
Seine Interpretation von ORALABORA als Zeugnis für 1300 Echternacher Kirchengeschichte gab auch den Anlaß, sogar die traditionelle Abfolge der Wallfahrtsmessen innerhalb der Willibrordusoktav ausnahmsweise zu ändern, so daß die Show gleichzeitig den Abschluß der Jubiläumsfeierlichkeiten und der Walfahrtswoche bildet.


Eine Echternacher Coproduktion

Auch, wenn die Show innerhalb des Echternacher "Kolléisch" geplant wurde und sie von der Schulgemeinschaft durchgeführt wird, so darf die Rolle anderer Echternacher "Institutionen" keinesfalls unerwähnt bleiben:
  • die Echternacher Pfarrgemeinde wegen des wundervollen Rahmens und der organisatorischen Hilfestellungen,
  • die Echternacher Stadtverwaltung wegen der substantiellen finanziellen, technischen und logistischen Hilfe, sowie
  • der Willibrordus-Bauverein, der ORALABORA sehr früh als im Sinne eines zeitgemäßen Willibrorduskultes "adoptierte" und die bis dahin noch fehlende finanzielle Sicherheit bot, um dieses ambitiöse Projekt zu verwirklichen.


Die Mitwirkenden

Es dürfte allgemein bekannt sein, daß unter den Schülern einer Lehranstalt immer eine gewisse Anzahl Musiker zu finden ist, mit welchen ein solches Unternehmen ohne weiteres realisiert werden kann. Nur beenden diese Schüler bedauerlicherweise in der Regel ihre gymnasiale Studienzeit zum (für den Leiter eines Schülerorchesters oder -chors) ungünstigsten Augenblick. Will man also nicht ständig mit der künstlerischen Aufbauarbeit von vorn beginnen, so bietet sich als Lösung dieses Problems die Möglichkeit, ehemalige Schüler gleich im Ensemble zu behalten.
Weiterhin hat sich herausgestellt, daß sich unter den Schülereltern tatsächlich viele Musikbegeisterte befanden, die spontan bereit waren, an ORALABORA teilzunehmen.
Für die mitwirkenden Lehrer (und auch das Personal des Internats!) erweist sich das gemeinsame Musizieren daneben auch als eine wunderbare Gelegenheit, auf eine entspannte, unverfängliche Weise mit Schülereltern und auch Schülern in näheren Kontakt zu treten.
Letztenendes hat sich so ein 160 Mitglieder zählendes Musikensemble zusammengefunden, welches zum ersten Mal in der langen Geschichte des Echternacher Lycée classique ein solches Unternehmen durchzieht.


Jean-Marie Kieffer, Conductor

Georges Thill, Narrator
 
Lead Vocals

Monique Heinisch - Christiane Hoffmann - Stéphanie Hierthès - Roby Schiltz - Pierre Stockreiser - Jeff Seyler, Rap

Backing Vocals

Monique Heinisch - Stéphanie Hierthès - Christiane Feinen - Nathalie Wagner - Carole Schmitz - Christiane Wagner - Christiane Hoffmann

Choir

Altmann Léonce - Arnold Marie-Jeanne - Audry Jean - Beffort Roger - Bender Sandrine - Berna Anne - Berna Raymond - Boonen Dani - Bortuzzo Gilles - Bortuzzo Jacques - Bortuzzo Victorine - Casagrande Marion - Christmann Fernande - Christmann Nathalie - Degrell Jean-Claude - Diedenhofen Josette - Elsen Marie-Anne - Entringer Joëlle - Feinen Christiane - Fisch Claude - Fisch Claudine - Fisch Romy - Frieden Alexandre - Gangolf Juliette - Godart Carole - Goebel Monique 1 - Goebel Monique 2 - Goedert Albert - Goedert Francine - Goedert Tom - Grosser Gerry - Hess Marc - Hoffmann Monique - Hoffmann Norbert - Jelmini Maggy - Juncker Marc - Kaiser Norbert - Kersch Françoise - Kieffer Marie-Paule - Kinnen Anne - Klein Roger - Klingenberg Myriam - Kneip Monique - Krewer Thomas - Krier Margot - Kuijpers Monique - Kuijpers Nathalie - Leonardy Anne - Leyder Marianne - Lorenz Marcel -Maes Marie-France - Marxen Jeannette - Mathes Hanny - Mirkes Claude - Mirkes Jean-Paul - Monzel Christina - Neu Marie-Thérèse - Ney Denise - Ney Guy - Origer Françoise - Origer Jean-Pierre - Origer Milly - Osweiler Caroline - Osweiler Corinne - Ouardalitou Amira - Ouardalitou Yasmina - Panotopoulos Jota - Recht Roger - Reuter Simone - Sauber Norbert - Sauber Tom - Schares Christiane - Schartz Guy - Schiltz Fredy - Schiltz Roby - Schmartz Erny - Schmartz Madly - Schmidt Janine - Schmidt Yannick - Schmitt Anne - Schmitz Irma - Scholtes Annick - Schram Sophie - Schumacher Danielle - Sinner Marc - Sosson André - Steinmetz Isabelle - Stockreiser Pierre - Theisen Cécile - Thill Céline - Thill Simone - Thinnes Christiane - Weckering Michel - Weckering Paul - Weiler Théo - Weis Denise - Weis Emile - Welter Michelle - Wener Emmanuelle - Wiroth Félicie - Witry Christophe - Witry Ursula -Zeimet Gilles - Zeimetz Viviane - Zimmer Marie-Claire

 
Big Band & Friends

Recorders: Jill Thomé
Flute: Tanja Hubert
Oboe: Garry de Jong
S-Sax: Nadine Diedenhofen
A-Sax: Isabelle Poss, Boris Schmidt
T-Sax: Laurie Osweiler, Nadine Diedenhofen
Bar-Sax: Nathalie Diedenhofen
French horn: Laurent Scholtes
Trumpets: Raymond Nockels, Serge Bernard, Jeff Ries, Marc Wilmes, Christiane Diedenhofen, Tessy Lamesch, Christine Schiltz
Trombones: Jackie Hubsch, Jean-Paul Demuth, Guy Thill
Guitar: Roby Brachmond
Piano: Georges Urwald
Bass: Marc Ney
Drums: Claude Stocklausen
Percussion: Michel Feinen, Chantal Osweiler, Carmen Wurth
Violins: Anne Thill, Noémie Leer, Maryse Pundel, Georges Audry, Michèle Moes, Marc Storck, Françoise Weckering, Fernand Artois, Claudine Bausch, Bernadette Berg, Carine Grosch
Cellos: Lisa Berg, Steffi de Jong
Double bass: Romain Boden
Tontechnik : padco Konzertakustik-Systeme
Technische Leitung : Holger Stedem
Lichttechnik : Discoteam Soundshakers
Videoproduktion : Bern Thill


Die Handlung

Finsterstes Mittelalter, ein Dorf in Northumbria, Britannien. Eine junge Frau sucht Rat bei ihrem Beichtvater, nachdem sie eines Nachts glaubt, eine Vision gehabt zu haben. Ihr wird die Geburt eines Sohnes vorausgesagt, welcher einen Teil Europas missionieren wird: Willibrord.
Im Laufe seines langen Lebens trifft Willibrord auf die Trierer Äbtissin Irmina, welche ihm ein Stück Land in Echternach schenkt, wo er eine Abtei gründen wird.
Nach Willibrord wird vor allem die Schreibschule
(Scriptorium) der Abtei europaweit einen hervorragenden Ruf genießen. Auch entsteht sehr bald ein wahrer Willibrorduskult (die Anfänge der Springprozession werden in dieser Zeit vermutet).
Im Spätmittelalter lassen sich Klarissinnen in Echternach nieder, um sich in den Dienst der Bedürftigen in der Echternacher Bevölkerung zu stellen. So entsteht logischerweise ein Konkurrenzstreit zwischen ihnen und den alteingesessenen Benediktinern.
Um 1600 gibt es dann von einer wahren Räuberpistole zu berichten: die heimtückische Entführung des Abts Bertels durch niederländische Freibeuter.
Das 17. und das 18. Jahrhundert in Echternach sind von einer regen Bautätigkeit geprägt. In diese Zeit fällt auch die Planung und Erbauung des "Lëschenhauses", welches spätestens in den 1970er Jahren fragwürdige Berühmtheit erringt - durch seinen vieldiskutierten Abriß.
1793 ist es dann vorerst vorbei mit der benediktinischen Herrlichkeit in Echternach: die Franzosen kommen! Die Abtei wird geplündert und die Basilika anschließend säkularisiert. Nachdem einige Jahrzehnte eine Porzellanfabrik in den Mauern der ehemaligen Klosterkirche funktioniert hat, stellt sich Mitte des 19. Jahrhunderts die Frage, ob das mittlerweile zur Ruine verkommene Bauwerk dem Verfall überlassen oder wieder aufgebaut werden soll. Die Echternacher entscheiden sich für letzteres und gründen 1862 den heute noch bestehenden
Willibrordus-Bauverein.
Doch wird man ein halbes Jahrhundert nach diesem Wiederaufbau wieder vor dem selben Problem stehen. Die Besetzung durch die deutschen Machthaber hat ihre Spuren hinterlassen: man hat die Basilika durch eine Sprengung größtenteils zerstört.
Die letzten 50 Jahre konnte sich das Leben in der (ehemaligen) Echternacher Abtei aber wieder weitgehend störungsfrei entwickeln: der Schulalltag zog ein, wovon der Abschlußsong zu berichten weiß.


Die Texte

Auffälligstes Merkmal der Texte ist die Vielsprachigkeit - und die kommt nicht von ungefähr. Im Laufe der wechselvollen Geschichte der Echternacher Abtei haben dort viele verschiedene Sprachen eine Rolle gespielt: Willibrord war Brite, Irmina "Triererin", innerhalb der Abtei wurde lateinisch kommuniziert, die Truppen Napoléons sprachen französisch und dazwischen wurde luxemburgisch oder "Echternacher" geredet.
So ergab sich allein aus dem geschichtlichen Zusammenhang die - reizvolle - Gelegenheit, die Texte für ORALABORA in diesen 6 Sprachen zu verfassen.
Gleichzeitig wird so den unterschiedlichen kulturellen Einflüssen in Echternach gebührend Rechnung getragen.


Die Autoren

Jean-Marie Kieffer ist Musik- und Religionslehrer am Lycée classique d'Echternach. Nach zahlreichen Kompositionen bzw. Arrangements für die unterschiedlichsten musikalischen Besetzungen ist ORALABORA die erste Arbeit dieses Ausmaßes.
Jean-Claude Degrell ist Englischlehrer an der selben Schule. Seine Qualitäten als "Eechternoacher" und als vielgefragter Gelegenheitsdichter prädestinierten ihn geradezu für die Aufgabe als Texter für ORALABORA.


Aufführungstermine

Da die Premierenaufführung bereits nach kürzester Zeit ausverkauft war, haben sich die Veranstalter, in Absprache mit den Mitwirkenden, kurzerhand dazu entschlossen, eine dritte Aufführung anzusetzen: Sonntag, den 15. November, 20.30 Uhr. Daneben sind aber noch einige (wenige) Karten für die Nachmittagsshow, am 15. November um 16 Uhr, erhältlich.
Kartenvorbestellungen nimmt das Echternacher Syndicat d'Initiative (Tel. 72 02 30) entgegen.
Preise: 500.-/350.-, Schüler, Studenten 350.-/200.-


Gedanken des Komponisten zum Projekt 'Oralabora?

Wie kommt der Musiklehrer eines Provinzgymnasiums auf die Idee, ein solch aufwendiges Projekt wie
OraLabora zu planen und auch noch durchzuführen? Ist es ein Hang zu Masochismus, grenzenlose Naivität oder etwa ein Anflug von Verwegenheit in einer doch so abgesicherten Beamtenlaufbahn? Ich denke, es ist von allem etwas. Manche nennen es Idealismus. Doch muß auch der unerschütterlichste Idealismus zeitweilig genährt werden, wenn er denn nicht verkümmern soll.
Genau dieses ist erfreulicherweise immer wieder rechtzeitig geschehen. Allen scheinbar noch so unüberwindlichen Hindernissen und allen teils heftigen Rückschlägen zum Trotz hat eine ursprüngliche Idee also Form angenommen: eine Musical Show, präsentiert von Mitgliedern der gesamten Schulgemeinschaft des Lycée classique d'Echternach (und natürlich auch des Lycée technique). Über 160 musikalische Schüler/innen, "Ehemalige", Eltern und Lehrer haben sich für die Idee erst motivieren, dann begeistern lassen.
Was war denn nun die Idee des Provinzmusiklehrers?
Als kulturell recht aufgeschlossener Mensch faßte er vor 3 Jahren den Entschluß, im Rahmen seiner Schule seinen Beitrag zu den anstehenden 1300-Jahre-Feierlichkeiten zu leisten - und zwar als Lehrer, Musiker und Echternacher Bürger.
Bei einem anderen musikalischen Unternehmen hatte er vorher schon die Begeisterung kennen- und schätzen gelernt, welche neben den Schülern auch deren Eltern bei Schulprojekten zuweilen zu entwickeln in der Lage sind. Dies und die Erfahrungen, welche er in den letzten 15 Jahren als Arrangeur und Komponist im Bereich der Chor- und Unterhaltungsmusik gesammelt hatte, gepaart mit dem weiter oben zitierten Idealismus, trieben ihn dazu, ein Gemeinschaftsprojekt von Schülern, "Ehemaligen", Eltern und Lehrern auf die Beine zu stellen. Es sollte die Gelegenheit für seine Schule werden, sich in der Luxemburger Kulturlandschaft darzustellen.
Welche Form sollte dieser kulturelle Beitrag denn nun bekommen?
Gemäß seinen Vorlieben für (gehobene) Unterhaltungsmusik und seiner pädagogischen Ader entsprechend entschloß er sich zu einer in den USA des beginnenden 20. Jahrhunderts gebräuchlichen Form, der Musical Show.
Die Vorteile dieser Form liegen auf der Hand: es muß keine durchgehende Handlung befolgt werden; einzelne Szenen können lose aneinandergereiht werden; die Aufführung muß nicht szenisch sein, man kann also beispielsweise einen großen Chor einsetzen, was die Zahl der Mitwirkenden ungemein steigert; man hat die Möglichkeit, auf neue gestalterische Mittel (z.B. Lichteffekte, Videoprojektion) zurückzugreifen; der musikalische Stil ist nicht von vornherein festgelegt und kann sogar wechseln.
Die Stilwechsel, welche der geneigte Hörer/die geneigte Hörerin sicherlich bemerken wird, sind selbstredend nicht allein des Abwechslungsreichtums wegen vorgenommen worden, sondern um die Textverständlichkeit zu fördern.
Da sich der Inhalt von
OraLabora vom Mittelalter bis zur heutigen Zeit erstreckt, liegt es daher auf der Hand, daß gregorianische Choralgesänge ebenso anklingen wie Tanzmusik der Renaissance, barock anmutende Klänge, Jazz und Rap.
Bei aller Hingabe und Opferbereitschaft des Musiklehrers war die Verwirklichung dieses Projekts allerdings nur möglich dank der freundlichen Unterstützung der Schulleitung sowie der überaus wertvollen Hilfe vieler einzelner Personen, welche im Laufe der vergangenen zweieinhalb Jahre, jede auf ihre Weise, ihren Beitrag dazu geleistet haben.
So gilt mein besonderer Dank an erster Stelle meinem Kollegen Jean-Claude Degrell, einem begnadeten, 6-sprachigen Texter.
Auf organisatorischem Plan wäre ich, besonders das letzte halbe Jahr, mehr als aufgeschmissen gewesen ohne die unbezahlbare Arbeit meiner lieben Freunde des Organisationskomitees.
Daneben gibt es aber noch weitere Personen, deren Einsatz für das Projekt nicht deutlich genug hervorgehoben werden kann: (in alphabetischer Reihenfolge) Jos Bertemes, Mady Boursier, Boris Dinev, Marc Juncker, Pierre Kauthen, Danièle Kohn, François Maes, Jean-Paul Mirkes, Guy Ney, Roby Schiltz, Manon Simon, Holger Stedem, Bern Thill, Henri Trauffler, Georges Urwald, Théophile Walin, die Verantwortlichen des Echternacher Festivals, der Echternacher Harmonie municipale, der Echternacher Stadtverwaltung, des Echternacher Syndicat d'Initiative und des Willibrordus-Bauvereins. Ihnen und allen anderen, welche von Anfang an an das Projekt geglaubt haben, gebührt mein aufrichtigster Dank.
Natürlich vergesse ich nicht die Mitwirkenden, welche nach 6 langen Monaten Probenarbeit trotzdem dabeigeblieben sind und so vorführen können, wie wunderbar sich Pädagogik und Kultur ergänzen - und die fleißigen Hände, welche unsere Basilika derart hergerichtet haben, daß
OraLabora in einem wunderbaren Rahmen aufgeführt werden kann. Herzlichen Dank!
Vor allen anderen aber möchte ich mich vor meiner Frau und meinen Kindern zutiefst verbeugen, in der Hoffnung, daß sie mich noch nicht vergessen haben, und feierlich geloben, in Zukunft zu Hause gelegentlich wieder zur Verfügung zu stehen.


Werkbetrachtung

Mit ORALABORA sollte ein in erster Linie unterhaltsamer musikalischer Beitrag zu den 1300-Jahr-Feierlichkeiten geleistet werden. Doch sollte das nicht heißen, daß keinerlei Ansprüche an das Werk gestellt werden dürfen.
Die musical show ist zwar durchaus so angelegt, daß sie zuerst die Herzen der Zuhörer und Zuschauer treffen soll, und dennoch sollten die intellektuell Anspruchsvolleren auf ihre Kosten kommen können, denn es steht ein musikalisch-formales Konzept hinter ORALABORA.
Da der Titel des Werks, ein zusammengezogenes "ora et labora", gleichsam Motto und "roter Faden" der musical show ist, bietet sich eine musikalische Umsetzung dieses Umstandes geradezu an.
So beginnt das Zentralstück von ORALABORA, die Nummer VI (Scriptorium), mit einer "gregorianischen" Sequenz über diesen Ausspruch, welcher im Laufe der selben Nummer immer wieder als Refrain Verwendung findet. Das Anfangsmotiv über "Ora" (Quintsprung aufwärts) ist gleichzeitig Leitmotiv der Ouvertüre, wogegen der Refrain, rhythmisch leicht abgeändert und melodisch weiterentwickelt, ebenfalls den Refrain der letzten Nummer (XII, Studentesong) bildet.
Der charakteristische Quintsprung taucht zudem auf in den Einwürfen der Benediktiner während der Darlegungen des Abtes in der Nummer VIII, "Lëschenhaous".
Des weiteren vereint die selbe Nummer VI mittelalterliche Gesänge mit Klängen des 20. Jahrhunderts (Orff-Instrumente, Jazz-Rhythmen, Rock-Klänge), kombiniert mit Rap-Ansätzen - Ansätze, welche in der XII zu einem klaren, "funkigen" Rap werden.
"The Mother's Vision" läßt Willibrords Mutter und einen Priester in direkter Rede und in "Shakespeare English" zu Worte kommen, was dann vom Chor, wie im griechischen Drama, auf luxemburgisch kommentiert wird. Den Zusammenhang stellt das melodische Material her, welches, je nach Situation, variiert wird, ohne jedoch den gemeinsamen Ursprung zu verleugnen.
Wenn Willibrord auf Irmina trifft, haben wir es mit einer klassischen Popballade zu tun, in welcher allerdings zwei Kulturen, sprich: Sprachen aufeinanderprallen.
Szene IV, der Trauergesang zu Willibrords Tod, ist wiederum ein "antiker" Chorkommentar mit dezenter Instrumentalbegleitung.
Zur Nummer V: Die Anfänge der Springprozessionsmelodie sind unklar. In der Regel werden sie im Mittelalter angesiedelt. Diese Nummer versucht, eben diese Melodie aus einem mittelalterlichen Tanz entstehen zu lassen. Mit Absicht werden mittelalterliche Musikinstrumente, Tonarten und Rhythmen kombiniert mit "modernen" Instrumenten: ein 4-stimmiger Saxophonsatz (als Ersatz etwa für einen Blockflötensatz) spielt, leicht variiert, das Hauptthema der Springprozessions-melodie - in mixolydisch statt in Dur!
Im "Klarissesträit" tritt der Chor der Klarissenschwestern (3-stimmiger Frauenchor) gegen die Benediktiner (4-stimmiger Männerchor) an. Gleichzeitig prallen 2 Charaktere, d.h. Stile aufeinander: einerseits der tiefe, soulige Frauensatz mit Backing-vocals-Unterstützung, welcher die Volksnähe symbolisieren soll (Sprache: luxemburgisch) und andererseits der zunächst einstimmige Choralgesang des Männerchores, der dann zu einem 4-stimmigen Satz nach "Jägerchor"-Vorbild wird, sozusagen als Symbol für das Traditionelle, Konservative (Sprache: deutsch). Das Stück besteht aus 2 Teilen. 1. Teil: die Männer ("Jägerchor") legen ihre Position dar. 2. Teil: die Frauen geben sich lässig-locker und zwingen den Männern ihren Soulrhythmus auf. Diese müssen sich wohl oder übel beugen, werden aber mit jedem neuen Einsatz wütender (Einsätze jeweils einen Halbton höher), um endlich das letzte Wort zu behalten. Doch werden sie von den Frauen wirklich ernstgenommen? Beim letzten Männerchoreinsatz summen die Frauen ihr Thema einfach weiter, unterstützt vom Backgroundchor und den begleitenden Instrumenten.
Die Entführung des Abts Johannes Bertels wird als klassische Ballade (nach Ludwig-Uhland-Vorbild) mit Klavierbegleitung, nur etwas poppig aufbereitet, vorgetragen.
In der "Lëschenhaous"-Nummer legt der Abt der Echternacher Abtei seinen Mitbrüdern im 17. Jahrhundert dar, wie er sich den Bau einer Sommerresidenz vorstellt. Seine Überlegungen trägt er vor nach der Art eines Lutherchorals mit frühbarocker Blechbläserbegleitung (mit E-Bass!). Der Kommentar des auf die Fassade des Löschenhauses gemalten "Fensterpaters" erklingt als Cantus firmus zu einer barocken Triosonate (mit Triangel!)
In der Revolutionsnummer (IX) wird die Situation in der Echternacher Abtei unter den Franzosen nachvollzogen: Klänge einer Militärkapelle (nach amerikanischem Vorbild orchestriert, mit Sopranino-Blockflöte statt Piccolo!) begleitet einen Revolutionär, der dem Echternacher Volk die neuen, "republikanischen" Prinzipien darlegt. Nach einigem Zögern reagieren die Echternacher mit dem typischen Ausspruch "Wann näist et notzt, vill schoade kann et is och nët!" zu einem swingenden musikalischen Thema, welches sehr bald zu einer "Marseillaise"-Variante (gespielt von der Sopranino-Blockflöte) mutiert. Die Marseillaise greift auch der Revolutionär auf mit den Worten "Allons, enfants, dans l'abbaye", einer komischen Persiflage des Originaltextes.
In der Victor-Hugo-Nummer werden in eine recht romantische Pop-Ballade Zitate des großen Dichters eingefügt, welche er bei seinem Aufenthalt in Echternach gesagt haben könnte. In diese eher wehmütige Situation hinein übernimmt der Chor die Rolle der Echternacher, welche im Jahre 1862 beschließen, aus eigener Kraft die Basilikaruine wieder aufzubauen. Konsequenterweise entwickelt sich diese Nummer zu einer Lobeshymne mit Aufbruchstimmung (X/b).
Die Instrumentalnummer "Zwete Weltkrich" (Musik von der LCE-Schülerin Sandrine Bender) ist konzipiert in Zusammenhang mit Bildern des von der Besatzungsmacht zerstörten Echternach (Basilika erneut nur noch Ruine, zerbombte Abtei). Die bewußt recht monotone Thematik in der Musik, gekoppelt mit einem schlichten Arrangement (Streicher con sordino und Klavier) lassen dem Zuhörer und -schauer genügend Freiraum, um die Bilder wirken zu lassen.
Gefolgt wird diese Nummer von einem erneuten "Aufbauchor" (= X/b, mit neuem Text).
Den Abschluß bildet der bereits erwähnte "Studentesong/Rap", eine Reverenz an die heutige Situation in der Echternacher Abtei. Hier befindet sich jetzt eine Schule mit 1200 Jugendlichen der heutigen Zeit, welche aber eine 1300-jährige Tradition mit sich herumschleppen. Daher verbindet dieser Song thematisches Material aus der Skriptoriumsszene ("ora et labora" bzw. "oralabora") mit einem topaktuellen Rap (Text: J-Cl. Degrell und LCE-Schüler Jeff Seyler) auf der Basis eines Funk-Riffs.


Jean-Marie Kieffer